Bei großen Krisen helfen "kleine" Lösungen


Es gibt immer wieder Lebenssituationen, in denen es auf uns so wirkt, als wäre einfach alles durcheinander, verfahren oder ausweglos. Dass uns das alle immer wieder betrifft, wurde gerade in dieser Zeit der globalen Krise durch Corona ganz deutlich ins allgemeine Bewusstsein gerückt. Und viele von uns sind dadurch nun mit einer ganz eigenen, neuen und persönlichen Krise beschäftigt.


Da kann ich mich miteinschließen. Es fühlt sich dann oft so an, als käme einfach alles zusammen. Als wäre der Weg, den wir vor uns sehen, so unfassbar schwer zu gehen und als fehle uns die Kraft, die Motivation und der Antrieb, um auch nur den kleinsten nächsten Schritt zu gehen.

Genau hier liegt jedoch die Lösung. Im kleinsten nächsten Schritt. Denn die Krise hält an, solange wir auf den ganzen, weiten Weg schauen, statt nur auf den nächsten kleinen Schritt.



Der Neurowissenschaftler Alex Korb beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Depression und Resilienz. Er beschreibt in seinem Tedx Talk wie die Wissenschaft durch Forschungen zu der Erkenntnis kommt, dass es eben nicht die eine „große“ Lösung für das eine große Problem, die eine große Krise oder die eine große Herausforderung gibt, nach der wir oft suchen. Stattdessen, so Korb, gibt es dutzende kleine Lösungen überall um uns herum und es gilt, genau diese zu suchen, zu nutzen und auszuschöpfen. Welche Lösungen aber meint er damit genau?

In einem Labor in den USA, so beschreibt Korb, sitzt eine Frau, die sich freiwillig für ein Experiment der Neurowissenschaft zur Verfügung stellt, in einem MRT. So ist es Forschern möglich, die Veränderungen in ihrem Gehirn als Reaktion auf ihre Umwelt aufzuzeichnen. Ein Bildschirm warnt die Frau von Zeit zu Zeit, dass sie sogleich einen kleinen elektrischen Schlag an ihrem Bein spüren wird. Und während die Probandin da nun sitzt, ab und an kleine Stromschläge kassiert und sich verständlicher Weise in einem eher unbehaglichen und etwas ängstlichen Zustand befindet, zeigen die Bilder des MRT deutlich: bestimmte Gehirnregionen, von denen man bereits weiß, dass sie zuständig sind für das „Sich-Sorgen-machen“ oder für das Aufspüren von Gefahren, werden durch die Situation aktiviert. Das, so Korb, war vorhersehbar.


Das Experiment ist hier jedoch nicht vorbei – der wichtige Teil kommt erst noch.

Noch einmal stellt sich die Probandin der unangenehmen Situation. Diesmal aber hält ihr Mann dabei ihre Hand. Während die Warnungen und die Stromschläge gleichbleiben, verändert sich jedoch ihre Gehirnaktivität deutlich. Die zuvor angesprungenen Regionen sind weniger stark aktiv. Das Handhalten beruhigt die Frau offenbar und hilft ihr, dem bevorstehenden Schock weniger ängstlich entgegenzusehen.


In einem weiteren Beispiel berichtet Alex Korb davon, wie in einem Krankenhaus in Pittsburgh beobachtet werden konnte, dass die Patienten, die sich nach einer schweren OP in lichtdurchfluteten und sonnigen Zimmern aufhielten, besser genesen konnten, als die, die auf der anderen Seite des Gebäudes weniger Licht abbekamen. Die Patienten in den hellen Räumen waren weniger schmerzempfindlich und brauchten weniger Medikamente, unter anderem da das Sonnenlicht dem Gehirn zu seiner eigenen Dosis Morphin verhalf, wie Korb erklärt.

Berührung, Licht, frische Luft, Bewegungen, gutes Essen – das sind also die vielen kleinen Lösungen, von denen Korb spricht. Wenn wir uns in einer Krise wiederfinden, einer Phase, in der wir nur noch die große, unbezwingbare graue Masse um uns herum wahrnehmen, ist es daher die größte Hilfe, wenn wir „klein“ denken, wenn wir uns mit vermeintlich geringen Veränderungen auf den Weg machen, der so unbezwingbar wirkt.


Alex Korb weiß, dass das auf viele zunächst ernüchternd wirken mag – das soll wirklich alles sein? Für große und komplexe Probleme braucht es doch auch komplizierte und komplexe Lösungen, die mindestens genau so schwierig in der Ausführung sind, wie das Problem, oder? Wer einen großen Felsen bewegen will, braucht mindestens 10 Ochsen. Denken wir nicht manchmal so? Aber, und das ist es, auch abertausende kleine Wassertropfen schaffen, den Felsen zu tragen. Jetzt bitte keine Angst: es müssen nicht abertausende kleine Schritte werden, bis es wieder bergauf geht. Das dient nur dem Vergleich 😊


Was aber tun, wenn du dich das nächste Mal bei dem Gedanken erwischst, dass ein „Geh-doch-einfach-mal-an-die-Sonne-und-die-frische-Luft“ oder ein „Lass-dich-umarmen“ zwar lieb gemeint aber wenig hilfreich sind? Was, wenn du merkst, dass du nicht daran glaubst, dass kleine Dinge große Wirkung haben können. Was kannst du dann tun?


Die Antwort darauf ist fast zu simpel: Das nächste Mal eben DOCH daran glauben und es einfach ausprobieren. Ausprobieren - all die Kleinigkeiten bewusst in dein Leben holen und auf die Wirkung warten, die sie entfalten, wenn sie sich häufen. Entscheide dich heute – egal, ob du gerade in genau so einer Situation steckst, oder ob es dir gerade blendend geht und du es vorbeugend brauchen kannst. Entscheide dich dazu, dir der Wirkung von Körperkontakt, Licht, Bewegung, Musik und gutem Essen bewusst zu werden, sie anzuerkennen, als etwas, was uns die Natur geschenkt hat und als die vielen kleinen Lösungen zu erkennen, die deine Stimmung heben und deine Resilienz stärken (werden).



Photo by Maximilian Jaenicke on Unsplash

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