(M)ein Weg zur Dankbarkeit


Dankbarkeit - Alle sprechen davon. Überall hört man von ihrem großen Wert. Dankbarkeit als Schlüssel zum Glück, zum Erfolg, zum besseren Leben. Dabei ist diese Ansicht nichts Neues. Alle großen Religionen dieser Welt betonen seit Jahrtausenden, wie wichtig Dankbarkeit für ein erfülltes Leben ist. Oder, wie es meine Schwägerin so treffend ausdrückte: „Wenn du das mit der Dankbarkeit verstanden hast, dann hast du das Leben verstanden – so kommt es zumindest irgendwie rüber.“


Alle "checken" das mit der Dankbarkeit, und ich?

Spätestens durch mein Studium zur psychologischen Beraterin stolperte ich dann einmal zu oft über den Begriff und konnte den folgenden Fragen nicht mehr ausweichen: Was hat es denn jetzt wirklich auf sich mit der Dankbarkeit? Was bedeutet dieser abstrakte Begriff denn eigentlich? Was bedeutet er für MICH? Und was daran hat so eine große Wirkung – vor allem welche Wirkung? Ich kam mir fast schon dumm vor – alle „checken“ das mit der Dankbarkeit, und ich? Ich stellte fest: Auf all diese Fragen hatte ich so gut wie keine Antwort. Ist da was falsch mit mir? Ich bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Das war vor knapp einem Jahr. Und so bin ich auf die Suche gegangen – auf meine Suche, ganz persönlich bei mir - und war erstaunt, was da alles so zu finden war.


Da war kaum Gefühl

Am Anfang war da wie gesagt erstmal nicht viel. Dankbarkeit. Tia… Ja, Dankbarkeit. Das klingt schon irgendwie fantastisch. Aber. Hm. Wann empfinde ich denn Dankbarkeit? „Klar gibt es Dinge, für die ich dankbar bin“, kam es fast schon rebellierend aus einem Hinterstübchen in meinem Kopf. „Meine Familie, meine Gesundheit, dass ich zu essen habe, dass ich ein Dach über dem Kopf habe und noch dazu so ein so schönes. Dass ich es bis hierher geschafft habe...“ Und so kamen noch einige weitere Gedanken und Dinge dazu. Aber etwas dabei war seltsam. Es war für mich eher, wie eine Liste vorzulesen, die zwar sehr schlüssig und logisch klang, aber gleichzeitig seltsam wenig mit mir zu tun zu haben schien. Da war kaum Gefühl. Kein wirklich tiefes Empfinden von Dankbarkeit. Zumindest nicht allein. Stattdessen war da etwas noch viel Größeres und Stärkeres, was durch das Nachdenken über Dankbarkeit in mir aktiviert wurde. Und dieses Größere und Stärkere schien mich von dem wahren Gefühl der Dankbarkeit abzuschirmen.


4 Eigenschaften "dankbarer Menschen"

In einer Studie der Eastern Washington University beschäftigten sich die Autor*innen mit der Messbarkeit von Dankbarkeit und ihrem Zusammenhang mit dem subjektiven Wohlergehen. Dabei beschrieben sie zu Beginn ihrer Untersuchungen vier Eigenschaften von Menschen, die als „grateful individuals“ gelten – also Menschen, für die Dankbarkeit ein großer Bestandteil ihres Lebens ist.

1. „Dankbare Menschen“ haben nicht das Gefühl, im Leben grundsätzlich benachteiligt zu sein. Stattdessen blicken sie auf ihr Leben mit einem Gefühl von Fülle.

2. „Dankbare Menschen“ nehmen wahr und schätzen, dass und wie andere Menschen zu ihrem eigenen Wohlbefinden beitragen. Sie erkennen, wie wichtig ihre Mitmenschen für sie sind.

3. „Dankbare Menschen“ fällt es leicht, auch die „einfachen Dinge“ im Leben zu genießen und wertzuschätzen. Mit „einfachen Dingen“ sind hauptsächlich die Freuden des Lebens gemeint, die den meisten Menschen unserer Erde leicht zugänglich sind.

4. Zuletzt ist es „dankbaren Menschen“ bewusst, wie wertvoll das Erleben von Dankbarkeit für ihr Leben ist. Es ist ihnen außerdem wichtig, ihre Dankbarkeit auch auszudrücken. Der Ausdruck von Dankbarkeit macht die Dankbarkeit vollkommen(er).


"Wie sagt man da?"

Auf meiner Suche nach dem Gefühl der Dankbarkeit musste ich allerdings erst einmal herausfinden, was dieses Größere, Stärkere war, das mich noch von all den vier oben genannten Eigenschaften fernzuhalten schien. Ich merkte schnell, dass Dankbarkeit für mich mit vielen Gedanken und Gefühlen verknüpft war, die mit Erfüllung, Glück und Lebensfreude herzlich wenig zu tun haben: Zwang, Unterwürfigkeit, Abhängigkeit und Ungleichgewicht. Sätze, die dazu in mir hochkamen, waren folgende: “Sei dankbar, dass es dir so gut geht! Anderen geht es doch viel schlechter.“; „Wie kannst du nur so undankbar sein?“; „Wie sagt man da?“; „Da musst du jetzt schon dankbar für sein!“ Das alles hinterließ nichts außer einen bitteren Nachgeschmack. Kein gutes Gefühl! Keine Erfüllung!


Ich musste feststellen, dass ich mich oft eher klein und schmächtig fühlte, wenn ich mich (innerlich) für etwas bedankte, auch wenn ich das gar nicht wollte. Dass ich ganz oft auch das Gefühl hatte, es tun zu MÜSSEN. Dass ich mich gleichzeitig in die Schuld des Gegenübers oder des Lebens stellte und dadurch ein Ungleichgewicht entsteht, das ich dann auszugleichen habe. Dass ich mich unwohl fühlte. Selbst wenn ich mich „beim Leben allgemein“ für meine Gesundheit bedankte, kam in dem Moment das Gefühl hoch, dass ich mir das ja nicht verdient habe, dass ich jetzt erstmal etwas leisten muss, um mich für das Geschenkte zu bedanken. Oder so ähnlich. Die Gedanken hier verständlich aufs Papier zu bringen, ist unerwartet schwer für mich.

Kein besonders freies Bild von Dankbarkeit

Mein Bild von Dankbarkeit war offensichtlich kein besonders freies. Es war stark davon geprägt, was ich als Kind aufgeschnappt und wahrgenommen hatte und bisher noch nicht aufs Neue reflektiert hatte. MAN hat sich zu bedanken beim Gegenüber, auch wenn einem gar nicht danach ist. Das klassische: „Wie sagt man da?“, bei dem es darum geht, dem anderen ein gutes Gefühl zu geben, aus Höflichkeit und weniger darum, ob man auch tatsächlich Dankbarkeit erlebt. Oder wenn man Hilfe bekam, die aber eigentlich gar keine war. Auch dann, so war es bei mir abgespeichert, hatte man sich zu bedanken. „Ich wollte dir nur helfen. Wie kannst du nur so undankbar sein?!“


Und dann begegnete mir Ruth Bebermeyer!

Als ich das realisierte wurde mir eins klar: Dieses Bild wollte ich ablegen. Ich wollte zu der Art von Dankbarkeit kommen, die sich durch die in der Studie beschriebenen Eigenschaften in meinem Leben abzeichnet. Und dann begegnete mir folgendes Gedicht:

Ich fühle mich ungemein beschenkt, wenn Du etwas von mir annimmst – wenn Du an der Freude teilhast, die in mir ist, sobald ich Dich beschenke. Und Du weißt, ich gebe nicht in der Absicht, Dich in meine Schuld zu bringen, sondern weil ich die Zuneigung leben möchte, die ich für Dich empfinde. Annehmen mit Würde ist vielleicht das größte Geschenk. Unmöglich kann ich die beiden Seiten voneinander trennen. Wenn Du mich beschenkst, schenke ich Dir mein Annehmen. Wenn Du von mir nimmst, fühle ich mich sehr beschenkt.

Song „Given To“ (1978) von Ruth Bebermeyer von der LP Given To


Ein tiefes Gefühl von Freude

Dieses Gedicht hat mich so sehr berührt in seiner wunderbaren und so klaren Art – und diese Wirkung zeigte sich sofort dadurch, dass ich eine wirklich tiefe Dankbarkeit darüber empfand, dass ich dieses Gedicht gefunden hatte. Ich kann das kaum beschreiben. Aber es fühlte sich so wahr und richtig an, so friedvoll und aufrichtig. Das was da beschrieben wird – dieses freie, unabhängige und ausgeglichene Schenken und Beschenkt-Werden, ein tiefes Gefühl von Freude: das ist der Kern von Dankbarkeit (für mich)!


Den Wert erkennen, von dem, was da ist.

„Wenn Du mich beschenkst, schenke ich Dir mein Annehmen. Wenn Du von mir nimmst, fühle ich mich sehr beschenkt.“


Diesen Satz spricht das Leben. Es geht nicht um die Frage, ob ich etwas verdient habe. Ob ich ein ebenso großartiges Geschenk habe, um mich zu „revanchieren“. Es geht darum, so frei zu sein, dass ich den Augenblick erkenne, als das, was er ist – ein Geschenk. Etwas, was gegeben ist und auf das ich antworten kann. Es geht darum, dass unser Annehmen ein Geschenk ist, weil wir damit wertschätzen – den Wert erkennen von dem, was da ist. Meine Gesundheit, jetzt eben gerade. Meine wunderbare Familie. Die Zeit, die ich jetzt habe, um diesen Artikel zu schreiben. Die Herausforderungen, die mich stärker machen… Die frische Luft…

Und langsam, aber sehr sicher konnte ich mich von all dem befreien, was mir den Blick auf dieses freie und unabhängige, dieses ausgeglichene und würdevolle Gefühl der Dankbarkeit verstellt hatte. Mehr und mehr begegneten mir im Alltag Situationen, in denen ich mich über kleine Dinge groß freuen konnte. Und ich lern(t)e noch, meine Dankbarkeit auszudrücken. Anderen zu zeigen, wie sehr ich ihr Sein und ihre Hilfe als Bereicherung empfinde. Ich kann nur sagen, es ist wirklich fantastisch. Ich bin dankbar für die Dankbarkeit in meinem Leben!


Deine eigene Suche

Vielleicht ist das Thema für dich ganz intuitiv und leicht – Dankbarkeit ist schon lange oder immer kraftbringender und wunderbarer Teil deines Lebens. Dann freue ich mich wirklich sehr mit dir und kann jetzt nachvollziehen, wovon du sprichst! Vielleicht geht es dir aber auch ähnlich wie es mir noch vor gar nicht allzu langer Zeit ging – dass du auf einer gefühlt theoretischen Ebene zwar verstehst, was Dankbarkeit beinhaltet oder sein kann, es aber einfach nicht fühlst, nicht spürst. Dann möchte ich dich ermuntern, deine eigene Suche zu starten, um herauszufinden, was da in dir noch gesehen und erkannt werden will, bevor du vollumfänglich in deine Dankbarkeit kommst. Es lohnt sich und die Reise dahin ist wertvoll.


P.S. Dankbarkeit ist für mich auch ein unfassbar guter Indikator dafür, ob ich gerade gut mit meiner Energie haushalte oder nicht. Wenn ich gestresst und müde bin, weil ich mir zu viel vornehme, weil ich zu wenig auf meine Bedürfnisse höre oder keine Verbindung zu mir und meinen Liebsten habe, dann merke ich auch deutlich, wie ich weniger dankbar bin. Dann ist es höchste Zeit, die Energiereserven wieder aufzutanken 😊


Foto: Matthew Fassnacht on Unsplash



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