Wie geht Veränderung? Das Potential des bewussten Moments

Aktualisiert: 21. Juli



Bewusst leben, achtsam sein, im Hier und Jetzt leben… all das läuft auf das eine hinaus: Spüren und wahrnehmen was jetzt gerade lebendig (in uns) ist.


Wozu ist das so hilfreich und wichtig? Um wirklich genießen zu können. Um das Leben vollkommen auskosten zu können. Um zu entschleunigen. Um zu fokusieren. Um zur Ruhe zu kommen. Bestimmt. Doch ein Grund hat mich persönlich gefesselt und ist Treibstoff meiner Leidenschaft für meinen Beruf als Coach:


Spüren und wahrnehmen, was jetzt gerade lebendig ist in uns, ermöglicht erst das Potential der Gegenwart auszuschöpfen, um neue Wege zu gehen. Wege, die zu dem passen, was wir heute sein können und wollen.

Was bedeutet das? Die allermeisten Prozesse in unserem Gehirn laufen ab, ohne dass wir uns ihrer bewusst sind. Wenn wir davon sprechen, dass wir immer bewusster leben wollen, dann dürfen wir nicht dem Irrtum unterliegen, wir könnten unser Gehirn tatsächlich darin trainieren, immer mehr und mehr Prozesse unseres Unterbewusstseins offenzulegen. Das wäre schlichtweg viel zu energieaufwändig und würde uns komplett überfordern. Was ist dann aber damit gemeint, wenn wir davon sprechen, dass wir "bewusster Leben wollen"? Es geht darum, stückchenweise und zeitlich begrenzt den ein oder anderen Prozess an die Oberfläche zu kramen, um ihn verstehen und gegebenenfalls verändern zu können – ganz bewusst.


Sobald wir das getan haben, dürfen wir den nun veränderten Prozess auch wieder an unser Unterbewusstes abgeben.

Eine neue, für uns hilfreichere Struktur wurde aufgebaut.


Ein Beispiel dazu: Carolin muss regelmäßig noch nach Feierabend oder auch am Wochenende etwas für die Arbeit erledigen. Eigentlich sind es Aufgaben, die andere aus dem Team hätten übernehmen können. Doch Carolin ist meistens die, die einfach schnell „Ja“ sagt, wenn etwas offensteht. Im Nachhinein ärgert sie sich dann oft und fragt sich, warum sie sich nicht einfach mal zurücknehmen kann. Sie ist auch enttäuscht von den anderen, die sich vor den Aufgaben „drücken“ und sie ihrer Auffassung nach auch einfach nicht sehen. Obwohl Carolin spürt, dass sie dadurch regelmäßig überfordert ist, kommt sie aus dem Teufelskreis nicht raus. Sie hat das Gefühl, dass es „ja auch nicht anders geht“. Sie hat das Gefühl, Opfer der Umstände zu sein. Es entwickelt sich Frust und Ärger, der sich auch auf das Verhältnis zu ihren Kolleg*innen auswirkt und auf ihre Kraft und Motivation für die Arbeit an sich.


Obwohl Carolin sich schon oft geärgert hat – also auch tatsächlich Gedanken zu dem Thema in ihrem Kopf bewusst wahrgenommen hat, fehlen ihr wichtige Puzzleteile, um das, was da immer und immer wieder passiert bewusst zu bekommen und selbstwirksam zu verändern. Sie überschreitet regelmäßig ihre eigenen Grenzen. Und es gibt einen Teil in ihr, der sagt: "Das ist richtig so und nur so funktioniert es." Im Coaching, das Carolin macht, fallen ziemlich zu Anfang die Sätze: „Irgendwie war das ja auch schon immer so. An mir bleibt halt immer alles hängen. Wenn ich es nicht mache, macht es keiner. Und mir ist es ja auch irgendwie wichtig, dass es passiert, aber….“


Unser Verhalten – das, was wir tun, und das, was wir zu tun für möglich halten, folgt Mustern und Strukturen, die auf unsere Erfahrungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit aufbauen. Wie wir auf unsere Umwelt, auf Mitmenschen und auf Ereignisse reagieren hängt davon ab, was wir bisher erlebt haben und wie wir das Erlebte verarbeitet haben (das meiste davon unbewusst). Und hier ist der springende Punkt.

Die Blaupause, die unser Gehirn über die aktuellen Ereignisse der Gegenwart legt, um unser Verhalten zu steuern, wird der Gegenwart natürlich nie gerecht.

Außerdem müssen nur verhältnismäßig wenige Punkte auf dieser Blaupause mit der aktuellen Situation übereinstimmen, um unser Gehirn zu „triggern“, ein bestimmtes Verhaltensmuster zu aktivieren, welches wir in ehemaligen, (teilweise) ähnlichen Situationen erlernt haben.

Aber zurück zu unserem Beispiel: Carolins Prozess des Bewusstwerdens beinhaltet viele kleine, teilweise unscheinbar wirkende, aber umso wichtigere Schritte. Einige Erkenntnisse sind:

  • Stimmt, ich überschreite tatsächlich meine eigenen Grenzen regelmäßig. Ich denke, dass ist nötig, damit alles läuft.

  • Ich denke, wenn ich bewusst Verantwortung abgebe, werde ich meiner Arbeit nicht gerecht und bin deswegen weniger wert für das Team.

  • Ich habe sehr konkrete Vorstellungen, wie manche Sachen zu laufen haben. Wenn es anders geht, verunsichert mich das und ich habe das Gefühl, dass dann „irgendetwas schief geht“.

  • Ich habe Angst, nicht genug zu tun und deswegen nicht genug zu sein.

  • Ich definiere meinen Wert fürs Team hauptsächlich über die Aufgabenanzahl, die ich erledige.

  • Ich habe ständig das Gefühl, dass ich mir meinen Platz im Team verdienen muss - immer wieder aufs Neue.

  • Wenn ich einmal am Wochenende wirklich frei habe, bin ich nervös und denke, etwas übersehen zu haben/nicht genug getan zu haben.

Über diese Erkenntnisse kommt Carolin schrittweise weg von dem vorher einzigen Gedanken: „Das (einzige) Problem sind die anderen, die keine Aufgaben übernehmen und dadurch dafür verantwortlich sind, dass ich immer alles machen muss.“ Sie merkt, dass sie Gedanken, Gefühle, Bedürfnisse und sogenannte Glaubenssätze in sich trägt, die stark dazu beitragen, dass sie ihre Grenzen so oft überschreitet.

Sie bekommt ein zunehmend klares Bild dafür, was in ihr lebendig ist, wenn sie „Ja“ sagt, obwohl auch ein großer Teil in ihr „Nein“ sagen will.

Und DANN kann etwas entstehen. Denn jetzt können wir die Frage stellen: Ist das bisher Getane wirklich der einzige Weg, um unsere Bedürfnisse, Erwartungen, Werte und Wünsche zu erfüllen?


Ganz, ganz und nochmal ganz wichtig ist an dieser Stelle: Diese Erkenntnisse sind dann erst Nährboden für mögliche Veränderung, wenn sie nicht nur auf Kopfebene fußfassen. Diese Erkenntnisse hatte Caroline zum Teil auch schon in Gedanken erfasst („Ja, ich weiß, es fällt mir schwer, Dinge abzugeben…“). Wirklich wirksam und oft der Punkt, an dem sich tatsächlich etwas bewegen kann, ist, wenn wir uns emotional empathisch verstehen – bewusst erfühlen, was unser Verhalten und das der anderen in uns bewegt, berührt und verursacht. Im Coaching versuchen wir für diese Art der Erkenntnis Raum zu schaffen über kreative Herangehensweisen: Imaginationen, Rollenspiele, die Arbeit mit Bewegung, verschiedenen Körperhaltungen und Positionen im Raum und vieles mehr.

Durch all das versuchen wir, die Gedankenpfade ein wenig verlassen zu können, die wir uns im Kopf bereits breitgetrampelt haben, um auch an die Gefühle zu kommen. Denn diese bergen Energie für Wandel.

Carolin erkennt: Ich möchte wertvoll für das Team sein. Ich möchte Verantwortung tragen. Ich möchte Kontrolle haben, weil es mir Sicherheit schenkt. Ich möchte Wertschätzung im Team erleben. Ich möchte beitragen. Ich möchte sicher sein, dass ich dazugehöre. Und sie erspürt, wie sich all das anfühlt, wenn es erfüllt ist. All diese Bedürfnisse liegen hinter ihrem Verhalten – für all diese Bedürfnisse hat sie bisher in ihrem Leben hauptsächlich diese eine Strategie gefahren: Alles an Aufgaben annehmen, was an mich herangetragen wird. Diese Strategie wurde ihr entweder vorgelebt (Die Mutter erledigte zuhause immer alles selbst und überschritt regelmäßig ihre Grenzen), oder sie wurde von ihr abverlangt ("Du musst Verantwortung übernehmen und dich selbst zurücknehmen, sonst wirst du ausgeschlossen, bestraft oder kannst hier nicht dazugehören") oder, oder…

Doch jetzt reflektiert Carolin ihre aktuelle Situation in der Arbeit - das Hier und Jetzt - und sucht nach neuen Wegen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, ohne dabei regelmäßig über ihre Grenzen gehen zu müssen. Das ist Arbeit. Arbeit allerdings, die sich wirklich lohnt.

Sie spricht mit ihrem Team über die Situation und bittet aktiv und klar um Unterstützung. Dabei erfährt sie, dass einige Teammitglieder wirklich froh sind, dass Carolin ihnen wieder mehr Verantwortung zuspricht. Außerdem legt sich Carolin ein Arbeitshandy zu (bisher dachte sie, das bräuchte es nicht), um auch abschalten zu können, wenn sie frei hat. Und, und, und… Und manch eine neue Strategie fruchtet nicht und zeigt, dass sie nicht erfüllt, was sich Carolin oder das Team wünscht und braucht. Das herauszufinden dauert eine Weile und es sind einige Schritte, die Carolin geht. Aber sie geht. Vorwärts.


Wenn wir uns auf so einen so neuen und nicht vorgetrampelten Weg machen, dann ist es oft holprig und fühlt sich sogar nicht selten an, als wäre er irgendwie „falsch“. Wenn wir beispielsweise in der Kindheit erfahren haben, dass Liebe Hand in Hand geht mit Angst, Bedrohung, Unzuverlässigkeit und Enttäuschung, dann fürchten wir später als Erwachsene möglicherweise in einer stabilen Beziehung, dass hier die Liebe bald endet oder fehlt. Schlichtweg weil wir das so nicht kennen. Beziehungen, Lebensumstände, Situationen und Ereignisse selbstwirksam umzugestalten kann sich deswegen durchaus befremdlich und unsicher anfühlen. Daher ist es so wichtig, dass wir uns Unterstützung holen, dass wir Freund*innen, Partner*innen, Kolleg*innen und andere Menschen, denen wir Vertrauen schenken, mit ins Boot holen. Dass wir kleine Schritte machen. Dass wir Geduld haben. Und dass wir zuversichtlich sind.

Bewusst leben, Achtsamkeit, im Hier und Jetzt sein … Spüren und wahrnehmen, was jetzt gerade lebendig ist in uns, ermöglicht erst, das Potential der Gegenwart auszuschöpfen, um neue Wege zu gehen. Wege, die zu dem passen, was wir heute sein können und wollen.



Wenn du das Gefühl hast, dass du auch nach neuen Wegen suchst und das Potential der Gegenwart irgendwie nicht ausschöpfen kannst – melde dich bei mir. Ich begleite dich gern.



Bild: Christopher Beddies, unsplash

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